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Die Tagespost schreibt am 11.10.2003 zu unserem Titel Ungeteilt im geteilten Berlin?:

Ein heikles Feld

"Ungeteilt im geteilten Berlin?": Eine Untersuchung zur Situation des Bistums Berlin nach dem Mauerbau

"Ich weiß nicht, was kommende Kirchenhistoriker über unsere Arbeit in diesen sieben Jahren schreiben werden, sofern sich überhaupt einer damit befaßt." Der Berliner Bischof Alfred Kardinal Bengsch scheint beim Verfassen einer Urlaubskarte an seinen Westberliner Generalvikar Walter Adolph am 18. August 1968 geahnt zu haben, dass nach einem damals nur schwer vorstellbaren Fall der Berliner Mauer stärker die evangelische Kirche in den Blick winkel von Untersuchungen kommen könnte als die zahlenmäßig in Berlin und in der DDR nur schwach vertretenen Katholiken.

Mit Ruth Jungs im Wintersemester 2001/2002 von der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität im Fach Neueste Geschichte und Zeitgeschichte angenommenen Magisterarbeit, die jetzt als Mono graphie im Berliner Morus-Verlag erschienen ist, fehlt zwar immer noch eine fun diert kirchengeschichtliche Betrachtung des von Kardinal Bengsch erwähnten Zeitraums, dafür liegt nun eine gut geschriebe ne Studie der entscheidenden kirchlichen Abläufe und politischen Geschehnisse im und um das Bistum Berlin zwischen 1961 und 1973 vor.

Was fehlt, nennt die junge Verfasserin in den Schlußbemerkungen selbst. "Das hier begonnene Triptychon der Geschichte der Diözese Berlin zwischen 1961 und 1973 ist unvollendet geblieben. Ihm fehlt der Hintergrund einer um die bislang unzugängli chen Bestände staatlicher und kirchlicher Archive bereicherten Quellenbasis. Ihm fehlt die Perspektive über das Jahr 1973 hinaus bis zum Ende der ,Ära Bengsch‘ 1979 oder bis zur Wende 1989. Ihm fehlen die Tiefenschärfe einer bis in das Leben einzelner Pfarreien hinein reichenden Quellenrecherche, die Details einzelner für Ber lin und sein Bistum bedeutender Ereignisse, die Konturen seiner bestimmenden Per sönlichkeiten."

Dass die Studie dennoch lesenswert ist, beruht neben dem an sich spannenden Bistumsgeschehen auf dem unvoreingenommenen Schilderungswillen Ruth Jungs, der es auf Basis der wissenschaftlichen Standardwerke zur DDR-Kirchengeschichte (Besier, Maser, Schäfer) sowie durch Zeitzeugenbefragung gelungen ist, einige Graustellen auf dem staats- wie kirchenpolitisch heiklen Feld der deutsch-deutschen Beziehungen anschaulich und lebendig zu skizzieren.

Im wesentlichen geht es um drei Personen: Julius Kardinal Döpfner, Bischof von Berlin von 1957 bis 1961, seinen im Ostteil Berlins residierenden Nachfolger Alfred Kardinal Bengsch und dessen Westberliner Generalvikar Walter Adolph. Während Döpfner und Adolph, zwischen denen über Jahre hinweg ein tiefes Vertrauensverhältnis bestanden haben muss, als dezidierte Anti-Kommunisten galten, besaß Bengsch bei vielen den Ruf, ein Mann des Ausgleichs und der Zurückhaltung zu sein; jemand, der manchmal mehr auf symboli sche als auf politische Weise zu versuchen schien, das äußerlich zerrissene Bistum zusammenzuhalten.

Hinter der Symbolik wirkte offensicht lich aber auch ein nüchterner Verstand: "Der DDR gegenüber beharrte Bengsch auf seinem rechtlichen Anspruch auf Westberlin und versuchte, seine politische Abstinenz immer wieder als Beitrag zur Verständigung zu deklarieren, da sonst alles auf eine scharfe Kritik an den staatlichen Mißständen und die Verschärfung der ohnehin bestehenden Spannungen hinauslaufen müsse. Innerkirchlich (...) betonte er, die DDR respektiere seine politische Abstinenz nur aufgrund seiner Zuständigkeit für Ost und West und, weil die Kirche als ertragreiche Devisenquelle angesehen werde, weshalb weder seine Doppelzuständigkeit noch die Geldtransfers westlicherseits in Frage gestellt werden dürften."

Trotzdem geriet Bengsch immer wieder in Gefahr, auf den divergierenden Interessenfeldern der Westberliner Katholiken, der Deutschen Bischofskonferenz, des Vatikan, der DDR und der Ost-Katholiken zerrieben oder ins Abseits gestellt zu werden. Dazu erschwerte Generalvikar Adolph, eine Gründerfigur des Morus-Verlages, die ohnehin fragile Ost-West-Kommunikation mit eigenwilligen Aktionen, von denen die unterlassene Verteilung von Bengschs Stel lungnahme zur Enzyklika "Humanae Vitae" bei der außerordentlichen Sitzung der deutschen Bischöfe in Königstein Ende August 1968 den Rand zur Illoyalität mindestens berührte.

Sicher hat Ruth Jung Recht, wenn sie mit Blick auf Döpfner und Bengsch die "Meinungsverschiedenheiten" über die richtige Reaktion auf das DDR-Regime als die "interessantesten Ergebnisse" ihrer Studie be zeichnet. Ebenso beachtenswert erscheint aber auch ihre kritische Nachfrage an die Effektivität des von Bengsch gewählten "Weiche Schale – harter Kern"-Kurses. "Trug Bengschs politische Zurückhaltung zur Stabilisierung der DDR bei – und: steht Bengschs ,kirchenaußenpolitische‘ Klugheit nicht im Gegensatz zu seinem inner kirchlichen, auf Geschlossenheit beharrenden Umgang mit Kritik und Opposition?" Ein Anfang zur Aufklärung ist mit dieser Studie gemacht, andere Untersuchungen können folgen.

Stefan Meetschen

Ruth Jung: Ungeteilt im geteilten Berlin? Das Bistum Berlin nach dem Mauerbau. Morus Verlag, Berlin 2003, 192 Seiten, kartoniert, zahlreiche Fotos, ISBN 3-87554-375-0,
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