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Hier eine Besprechung von M.D. Chenus Leiblichkeit und Zeitlichkeit, erschienen in Ordenskorrespondenz 1/2003 S. 114f.:

Leben im "Dreizehnten". Beides war für den Dominikaner M.-Dominique Chenu ein Zuhause mit Verpflichtungen und Herausforderungen: das 13. Jahrhundert, dem seine theologisch-philosophische Vorliebe und seine mediävistische Forschung galt, und das 13. Arrondissement in Paris, ein klassisches Arbeiterviertel, in dem er wohnte, lebte und arbeitete – beides in Spannung zueinander und damit alles andere als ein bequemes, anheimelndes Zuhause, eher Kampfplatz streitbarer Begegnung von Wissenschaft und Menschsein, moderner Gesellschaft und Glaube. Chenu war Grenzgänger in bewegten Zeiten einer Neuorientierung der Kirche in der modernen Welt.

Die Jahre im Pariser Dominikanerkonvent Saint-Jacques, von 1942 bis 1954, markieren für den Dominikaner eine Zeit des Exils: in Folge der theologisch-kirchlichen Auseinandersetzungen um seine 1942 auf den Index der verbotenen Bücher gesetzte Publikation „Une école de théologie. Le Saulchoir“ musste der Rektor der dominikanischen Ordenshochschule Le Saulchoir nach Paris emigrieren. 1954 war mit dem römischen „Aus“ für das Experiment der Arbeiterpriester auch die Zeit in Paris unfreiwillig vorerst beendet. In die folgenden Jahre seines zweiten theologischen Exils in Rouen fällt der 1959 auf einem Kongress in Löwen gehaltene Vortrag Situation humaine. Corporalité et temporalité, der nun als Band 1 der Collection Chenu des 2000 neu gegründeten Berliner Forschungszentrums der Dominikaner erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Die Publikation umfasst eine historisch wie theologiegeschichtlich prägnante Hinführung der drei Herausgeber sowie eine informative werkbiographische Skizze, die den 38 Seiten starken Text des Chenu-Vortrags rahmen.

Wenn sich das Berliner Institut M.-Dominique Chenu der theologisch-philosophischen Grundlagenforschung verpflichtet weiß, so stellt das Opus 1 seiner Schriftenreihe geradezu einen (bisher weitgehend unbekannten) "Klassiker" dominikanisch geprägter Theologie mit Brückenschlägen aus der Vorkonzilszeit des vergangenen Jahrhunderts zur Scholastik vor. In Chenus Rekonstruktion des theologiegeschichtlichen Disputes zwischen neuplatonischem Augustinismus und der Aristoteles-Rezeption des Thomas von Aquin steckt weit mehr, als ein erster Blick auf die mediävistisch-scholastisch anmutende Diskussion um die Kategorien von situs und corpus erahnen lässt: es geht um materielle Leiblichkeit und geschichtliche Zeitlichkeit des Menschen als Gegenprofil zur geschichtsenthobenen Relecture des platonischen Idealismus augustinischer Positionen und ihr verhafteter theologischer Schulen.

Chenu beleuchtet die Situation der Menschen im 13. Jahrhundert, die die Wiederentdeckung der aristotelischen Philosophie in einer durch politisch-soziale Umbrüche gekennzeichneten Epoche als eine Herausforderung an ihr christliches Denken begriffen. Die realistische Metaphysik des hl. Thomas beinhaltet in diesem Kontext mit der Abkehr vom zyklischen Zeitverständnis philosophischer Prägung einen theologischen Paradigmenwechsel: "Die Zeit geht in die Definition des Menschen ein, gewiss als Hinweis auf die mit seiner Geschöpflichkeit verbundene Schwachheit, aber auch und zuerst als eine wesentliche Koordinate seines In-der-Welt-Seins" (44). Wo Geschichte und Gedächtnis eingeklagt werden, ahnt man etwas von der Dramatik, mit der gleichermaßen die Lehre des Aquinaten von der wesensbegründenden Einheit aus Leib und Seele wie die These vom Dogma inmitten der Geschichte der Nouvelle théologie und ihres Vordenkers Chenu das theologisch-kirchliche Establishment der jeweiligen Epoche aufzuwühlen vermochten. Chenus Eintreten für die weltzugewandte, inkarnatorische Theologie des Thomas von Aquin geht über die Wegbereitung des Zweiten Vatikanischen Konzils, seiner Deutung und somit Würdigung der "Zeichen der Zeit" hinaus: Im Eingedenken der Situation des Menschen, in ihrer Verwiesenheit auf die Geschichte ist sie für die theologische Gottesrede verpflichtend und gibt in ihrer Reflexion des Zusammendenkens von christlichem Zeitverständnis und menschlicher Leiblichkeit nachhaltige Impulse.

Die in Umfang und thematischer Konzentration kompakte und somit nicht zuletzt durch die kommentierende Hinführung gut aufbereitete Schrift lässt die nächsten Chenu-Publikationen sowie die weitere Arbeit des Institutes M.-Dominique Chenu in Berlin mit Spannung erwarten.

Ansgar Wallenhorst

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