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Die in Zürich erscheinende Zeitschrift Orientierung schreibt am 15.10.2004 zu dem bei uns erschienenen Titel Le Saulchoir: Eine Schule der Theologie:

Am 7. März 1936 hielt Marie-Dominique Chenu OP (1895-1990) als Rektor des seit 1903 im belgischen Exil in Kain-lez-Tournai bzw. «Le Saulchoir» bestehenden philosophisch-theologischen Studien-Konvents der französischen Dominikaner die traditionelle Rede zum Fest des heiligen Thomas von Aquin. Dabei machte er weder die Biographie noch das Werk seines Ordensbruders zum Thema, wie es für einen Anlaß dieser Art allgemein üblich war. Stattdessen entschied er sich, über die in «Le Saulchoir» geleistete Forschungsarbeit und die dabei praktizierten Methoden in der Philosophie und in der Theologie Rechenschaft abzulegen sowie die geistige Atmosphäre zu beschreiben, die dafür die Grundlage bot. Als er ein Jahr später seinen Vortrag in erweiterter Form unter dem Titel «Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie» veröffentlichte, erläuterte er im Vorwort das Ziel seiner Publikation: «Diese Notizen waren eigentlich nicht zur Veröffentlichung bestimmt. Als wir sie für den Druck durchsahen, haben wir uns dazu entschlossen, ihnen ihre ursprüngliche Form und jenen Charakter privater Reflexion zu belassen, der eine voreilige Verallgemeinerung ihrer Aussagen verbietet. Eine Gruppe von Theologen empfindet das Bedürfnis, sich ihrer Arbeitsmethoden und ihrer geistig-geistlichen Ziele zu vergewissern – mehr nicht. Und dazu gehört neben dem starken Gefühl, dass man von einer lieb gewordenen Tradition getragen ist, eben auch ein sehr waches Gespür dafür, dass jede Arbeit im Rahmen dieser Tradition relativen Charakter hat.» (53)

Eine theologische Programmschrift

Vergleicht man diese kurze Passage aus der Einleitung mit dem Gesamttext der Broschüre, so gewinnt man den Eindruck, M.-D. Chenu sei hier eine präzise Beschreibung des Stils und des Charakters seiner Publikation gelungen. Zusätzlich wird dieses Urteil durch die Tatsache bekräftigt, daß «Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie» als privat deklarierte Publikation nicht im normalen Buchhandel vertrieben wurde. Trotzdem weckte es die Bedenken der Ordensleitung und einiger prominenter Professoren an der ordenseigenen Universität «Angelicum» in Rom. M.-D. Chenu mußte während einer eigens zu diesem Zweck von seinen römischen Ordensoberen angeordneten Romreise im Februar 1938 sich nicht nur verpflichten, sein Buch nicht weiter zu verbreiten, sondern er mußte darüber hinaus mit seiner Unterschrift die Zustimmung zu einem Katalog von zehn Sätzen bezeugen, von denen seine Oberen meinten, sie würden in seiner Publikation nicht ausreichend berücksichtigt, bzw. sie würden in Frage gestellt. Völlig überraschend für ihn wurde «Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie» am 6. Februar 1942 zusammen mit dem Buch «Essai sur le problème théologique» seines belgischen Mitbruders Louis Charlier auf den «Index der verbotenen Bücher» gesetzt. M.-D. Chenu akzeptierte diese Maßnahme sofort. Roms Verurteilung hatte für ihn weitreichende Folgen: Er verlor nicht nur das Amt des Rektors, sondern auch seine Professur, und er mußte den inzwischen in die Nähe von Paris nach Étiolles umgezogenen Studien-Kon-vent «Le Saulchoir» verlassen.

Seitdem lebte M.-D. Chenu im traditionsreichen Konvent «Saint-Jacques» in Paris. Unbeirrt von den kirchlichen Sanktionen verfolgte er weiterhin seine mediävistischen Forschungen über die Theologie des 12. und 13. Jahrhunderts, gab auf Einladung des Rechtshistorikers und Soziologen Gabriel Le Bras Kurse an der «École Pratique des Hautes Études» (Sorbonne) und setzte seine Zusammenarbeit mit Gruppen der katholischen Arbeiterjugend (JOC) fort, mit der er schon Mitte der dreißiger Jahre in Belgien begonnen hatte. Darüber hinaus beteiligte er sich intensiv mit Publikationen und persönlichen Kontakten an den pastoralen Neuaufbrüchen der katholischen Kirche in Frankreich, wie sie institutionell in der «Mission de France», der «Mission de Paris» und dem Einsatz der Arbeiterpriester sowie programmatisch in der Schrift «La France pays de mission?» von Abbé Yvan Daniel und Abbé Henri Godin ihren Ausdruck fanden. Als Rom 1954 das Experiment der Arbeiterpriester beendete, gehörte M.-D. Chenu auch zu der Gruppe von Dominikanern, die zu den ersten Opfern zählten. Während er von Paris nach Rouen strafversetzt wurde, verloren seine früheren engen Mitarbeiter am Studienkonvent von «Le Saulchoir» Yves Congar (1904-1995) und Henri-Marie Féret (1904-1992) ihre Professuren.

Schon dieser summarische Rückblick auf das Werk und die Biographie von M.-D. Chenu zeigt, daß seine Broschüre «Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie» eine nachhaltige Wirkungsgeschichte in der katholischen Kirche Frankreichs auszulösen vermochte, obwohl sie nur während weniger Wochen erhältlich war. Zu dieser «unterirdischen» Rezeption kamen erst in den achtziger Jahren Wiederveröffentlichungen des vollständigen Textes: 1982 erschien eine italienische Ausgabe und 1985 eine französische Neuausgabe, die mit aufschlußreichen Beiträgen von Kirchenhistorikern und Theologen ergänzt wurde. Im Herbst letzten Jahres ist nun als zweiter Band in der «Collection Chenu» – übersetzt von Michael Lauble und versehen mit einer werkgeschichtlichen Einleitung von Christian Bauer – die deutsche Übersetzung von M.-D. Chenus grundlegender Studie erschienen. Damit ist auch für die deutschen Leser ein Grundlagentext der Theologie des 20. Jahrhunderts leicht zugänglich geworden, ein Text, von dem Giuseppe Alberigo einmal festgestellt hat, er zeige die Erneuerungskraft der Theologie, wenn diese mit Entschiedenheit die Aneignung der Traditionen des Christentums aus ihrer Konfrontation mit den Herausforderungen der Gegenwart zu realisieren versuche.

M.-D. Chenu ordnete in seinem Vorwort von 1937 seine Schrift nicht nur in die Tradition der von Thomas von Aquin ausgehenden weltzugewandten Theologie ein. Ausdrücklich kennzeichnete er sein Buch als die Frucht der Anstrengungen jener Gruppe von Lehrenden und Lernenden, deren Studienleiter er in «Le Saulchoir» war. Zöge man aus dieser Tatsache den Schluß, hier käme im rhetorischen Überschwang ein Bescheidenheitsgestus zum Ausdruck, so würde man den Autor gründlich mißverstehen. Denn M.-D. Chenu begriff sich ohne jeden Vorbehalt als Glied einer theologischen Schule, ja der «schulmäßige Charakter» seiner Abhandlung war für ihn die adäquate Weise, seine Überlegungen zum Ausdruck zu bringen.

Trotzdem kann die persönliche Leistung des Autors nicht überschätzt werden. M.-D. Chenu gelang nämlich in dieser knappen Studie eine Skizze, wie die Reform theologischer Forschung und Lehre durchzuführen sei. Dies erreichte er dadurch, daß er zwei grundlegende Probleme der Theologie, um die seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts bzw. der Modernismus-Krise gestritten wurde, miteinander zu verknüpfen vermochte: Er bestimmte das Verhältnis von Offenbarung und Theologie auf eine Weise, die eine zwanglose und produktive Rezeption der historisch-kritischen Forschung in der Theologie möglich machte.

Dabei ging M.-D. Chenu auf eine «schulmäßige» Weise vor, d.h. er knüpfte an die Tradition seines Ordens an. Das bedeutete für ihn, bewußt auf die von seinem Lehrer Ambroise Gardeil (1859-1931) neu erarbeitete Einsicht vom Vorrang der Offenbarung vor der Theologie zurückzugreifen. Die im 16. und 17. Jahrhundert in der Schultheologie in einer apologetischen Haltung gegenüber den Theologien der Reformation heimisch gewordene Tendenz, den Glauben an Gottes Offenbarung gegenüber den dogmatischen Formulierungen und der Kohärenz der theologischen Systeme zu marginalisieren, brachte es mit sich, daß im Verlaufe der Auseinandersetzungen während der Modernismus-Krise die hilfreiche Unterscheidung zwischen einer (historisch orientierten) positiven Theologie und einer (systematisch argumentierenden) spekulativen Theologie als unauflöslicher Gegensatz verstanden wurde, der zugunsten der letzteren aufzulösen sei. Dadurch drohte der Glaube durch die Unterwerfung unter dogmatische Sätze und Lehraussagen ersetzt zu werden, so daß der Eindruck entstand, «als sei die Bibel nur dazu da, den Schulmeistern Argumente zu liefern» (118). Demgegenüber forderte M.-D. Chenu einen radikalen Ortswechsel, den er in Bezug auf die dominant gewordene Deutungstradition der thomanischen Theologie mit drastischen Worten beschreiben kann: «Die Vor-Gabe der Offenbarung ist nicht dazu da, das System des heiligen Thomas abzustützen, vielmehr ist das System des heiligen Thomas dazu da, nachvollziehbare Rechenschaft von einem viel umfassenderen, reicheren Glauben abzulegen.» (118)

Diese knappe Erläuterung M.-D. Chenus enthielt nicht nur eine Beschreibung, wie in der Interpretation der Theologie von Thomas von Aquin vorzugehen sei. Daß damit auch eine Kriteriologie in Anspruch genommen wurde, machte der Autor zum Hauptgegenstand seiner Ausführungen: «Der Glaube allein ist der Ort, an dem sich, psychologisch und wissenschaftlich gesehen, in der Einheit eines Wissens Dokumentation und Spekulation, ‹Autoritäten› und ‹Vernunftgründe› verbinden können; denn nur der Glaube ist in eins ansatzhaft wirklichkeitsgetreue Wahrnehmung der Gottesschau und Zustimmung zu autorisierten Propositionen.» (119) Was in dieser Formulierung nicht sofort deutlich wird, ist ein «dynamisches» Verständnis von Glauben, das M.-D. Chenu zum Leitfaden seiner weiteren Darlegung machte. Diese Dynamik entfaltet sich als das unstillbare Verlangen des Glaubenden nach Einsicht in die Offenbarung, das zugleich untrennbar mit dem Willen verbunden ist, diese Einsicht mit allen Möglichkeiten menschlichen Verstehens zu vertiefen. Darum konnte M.-D. Chenu im Anschluß dieser Beschreibung des Glaubens feststellen, daß die Quellen, aus denen der Glaubende und der Theologe schöpfen, das gesamte Leben der Kirche sei, «ihre Sitten und ihr Denken, ihre Frömmigkeit und ihre Sakramente, ihre Spiritualität, ihre Institutionen und Philosophien in der umfassenden Katholizität des Glaubens, in geschichtlicher Dichte und in allen Bereichen der Kultur» (120).

Mit dieser Beschreibung konnte M.-D. Chenu eine überzeugende Antwort auf die mit der Modernismus-Krise aufgebene Frage nach der Bedeutung historisch-kritischer Methode in der Theologie geben. Wenn die «Orte» des Glaubens der gelebte Glaube der Menschen in der Abfolge der Geschichte und der Vielfalt der Kulturen ist, erweist sich das Christentum eingebunden in die Geschichte, und damit werden die Methoden historischer Erkenntnis ein unverzichtbarer Weg zu seinem Verständnis. Um die globale und humanistische Perspektive von M.-D. Chenus theologischem Entwurf zu erkennen, ist für den Leser aufschlußreich, welchen Themen er Mitte der dreißiger Jahre ausdrücklich den Rang «theologischer Orte» zuerkannte: An erster Stelle erwähnte er die globale Weltzugewandtheit des christlichen Glaubens in der Solidarität für alle Menschen, dem der Respekt vor der Pluralität der Kulturen zu entsprechen habe. Daran anschließend erinnerte er an die Schuldgeschichte der Kirche und den neu aufgebrochenen Willen der Christen nach Einheit. Als letzten großen Komplex nannte er die politischen und gesellschaftlichen Konflikte, in denen sich die Menschen auf dem mühsamen Weg zu einer Einheit untereinander auf den Weg gemacht haben. An diese Orte hätte sich die Kirche zu begeben, um an den Auseinandersetzungen konstruktiv teilzunehmen. Dies würde ihr aber nur gelingen, wenn sie den Laien einen gleichrangigen Anteil an der Sendung der Kirche wie der kirchlichen Hierarchie zugestehen würde.

M.-D. Chenus Aufzählung der zum damaligen Zeitpunkt relevanten «Orte» der Theologie skizzierten nicht nur die Themenbereiche, in denen er in den folgenden Jahren nach seiner Absetzung als Rektor von «Le Saulchoir» seine Forschungen und seine pastorale Arbeit fortgesetzt hat. Sie gaben auch den Rahmen ab, innerhalb dessen sich die Neuartigkeit und Fruchtbarkeit seiner theologischen Einsichten über das Selbstverständnis eines sich historisch verstehenden Glaubens und einer historisch gewendeten Theologie erweisen konnten. In dieser Perspektive sind seine Überlegungen auch für Theologie und Kirche weiterhin fruchtbar.

Nikolaus Klein

Marie-Dominique Chenu, Le Saulchoir: Eine Schule der Theologie = Collection Chenu 2, herausgegeben vom Institut Marie-Dominique Chenu – Espaces Berlin durch Christian Bauer, Thomas Eggensperger, Ulrich Engel, Berlin 2003, 194 Seiten, broschiert, ISBN 3–87554–365–3, EUR 9,80

Eine Schule der Theologie ->zum Buch

Zum gleichen Buch schreibt die Tagespost am 28.02.2004:

Bebende Diskurse
Marie-Dominique Chenu als Wegbereiter moderner Theologie

Die Neuausrichtung der katholischen Theologie, die gewöhnlich mit den Impulsen des Zweiten Vatikanischen Konzils verbunden wird, hatte längst begonnen, als 1962 die Väter der Synode in Rom zusammentraten. Zu den einflussreichen Theologengestalten aus Deutschland und Frankreich, die schon vor dem Zweiten Weltkrieg eine Besinnung auf die Geschichtlichkeit des Glaubens und jene Öffnung zur Welt forderten, die später zu den prägenden Kennzeichen „nachkonziliarer“ Theologie gezählt werden sollten, gehört der Dominikanerpater Marie- Dominique Chenu (1895–1990).
Als Sohn eines Kleinindustriellen in der Nähe von Paris geboren und auf den Namen Marcel getauft, war Chenu mit achtzehn Jahren dem Predigerorden beigetreten. Im belgischen Studienhaus Le Saulchoir und an der römischen Dominikanerhochschule „Angelicum“ empfing er seine Ausbildung und promovierte in Rom unter Anleitung von P. Réginald Garrigou- Lagrange. Gegen den Willen des Lehrers kehrte Chenu 1920 nach Le Saulchoir zurück und wurde dort 1932 zum Studienregens ernannt. In dieser Funktion hielt er am Fest des heiligen Thomas (7. März) 1936 unter dem Leitwort „Die Wahrheit wird euch frei machen“ eine viel beachtete Ansprache, in der er ein erneuertes Selbstverständnis theologischer Forschung und Lehre einforderte.

Zusammenhang von Dogma und Geschichte im Blick

Auf Bitten vieler wurde dieses Programm von Le Saulchoir kurz darauf zu einer kleinen Schrift erweitert, die, obwohl nur als Manuskript gedruckt, wenige Jahre später hohe Wellen schlug. Das nach Chenu benannte Berliner Forschungszentrum der deutschen Dominikaner hat sie nun, bald siebzig Jahre nach ihrem Entstehen, erstmals in deutscher Übersetzung vorgelegt.
Gegen eine begrifflich erstarrte Scholastik postulierte Chenu darin eine auf „Fortschritt“ geöffnete Theologie jenseits bloßer „Orthodoxie“, eine Neubesinnung auf den Zusammenhang von Dogma und Geschichte, Lehre und Spiritualität. Thomas von Aquin, dessen Denken sich Chenu in der Tradition seines Ordens verpflichtet weiß, gilt ihm weniger als Haupt einer Schule und Repräsentant einer fest umrissenen „philosophia perennis“, sondern als Verkörperung echter theologischer Forschung in schöpferischer Freiheit und lernwilliger Offenheit.

Seitenhiebe gegen Vertreter des „Handbuchthomismus“

Diesen Aquinaten muss man nach Chenu mit den exakten Werkzeugen des Dogmenhistorikers wiederentdecken, und dazu haben Dominikanertheologen von Le Saulchoir wie die Patres Gardeil, Mandonnet, Roland-Gosselin, Sertillanges und nicht zuletzt Chenu selbst in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts Beeindruckendes geleistet. In Chenus Stellungnahmen „gegen schulische Versteinerung und dialektischen Dogmatismus“ fehlt es nicht an Seitenhieben gegen die Vertreter des klassischen „Handbuchthomismus“ und seine durch den Rationalismus der Barockscholastik geprägte Systematik und Methode – zum Teil recht bissige Polemik, die selbst Mitstreitern Chenus wie Yves Congar vermeidbar erschien.
Das Plädoyer des Autors, viele profane „Zeichen der Zeit“ wie den Pluralismus moderner Kulturen und die soziale Not der Gegenwart als Kriterien und „Örter“ theologischen Denkens anzuerkennen, rief zusätzliche Kritik hervor. 1942 wurde die Schrift „Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie“ unter bis heute nicht gänzlich geklärten Umständen auf den Index der verbotenen Bücher gestellt. Chenu verließ Le Saulchoir und wurde fortan unter die Vertreter jener „Nouvelle Théologie“ gerechnet, deren Verhältnisbestimmung von Natur und Gnade unter Papst Pius XII. mehrfach lehramtliche Zurückweisung erfuhr, mit höchster Autorität in der Enzyklika „Humani Generis“ des Jahres 1950.
Einige der damals kritisierten französischen Theologen haben nach dem Zweiten Vatikanum eine unverkennbare Rehabilitierung von höchster kirchlicher Stelle erfahren, darunter die zu Kardinälen erhobenen Jesuiten Jean Daniélou und Henri de Lubac. Dass auch der ihnen gegenüber etwas in Vergessenheit geratene Chenu als „veritabler Kirchenvater der Moderne“ bleibende Anerkennung finden soll, ist eines der Hauptanliegen, das die Herausgeber des vorliegenden Büchleins verfolgen, des nunmehr zweiten Bands einer Chenu gewidmeten Publikationsreihe.

Gespreizte Sprache und Anleihen bei Michel Foucault

Christian Bauer bemüht sich in seinem der Edition vorangestellten Vorwort, Chenu vor allem als Wegbereiter des Neuaufbruchs, ja als Vertreter einer „Französischen Revolution der Theologie“ zu charakterisieren.
Es ist nicht nur die etwas gespreizte Sprache dieses Beitrags mit ihren penetranten Variationen der „Diskurs“-Vokabel und anderen postmodern-populären Anleihen aus dem Wortarsenal Michel Foucaults, die beim Leser Vorbehalte weckt. In der bloßen Alternative „Le Saulchoir contra Angelicum“, wie Bauer sie mit klarer Stellungnahme herausarbeitet, werden gemeinsame Anliegen kaum noch wahrgenommen, die $man etwa mit Blick auf das Verständnis des theologischen Glaubens, die Wesensbestimmung der Apologetik oder die Erneuerung christlicher Mystik im Thomismus von Chenu und Garrigou-Lagrange unschwer ausmachen könnte.
Dass die systematisch denkende Schultheologie ihre Stärken besaß, die eine – noch so qualitätvolle – dogmenhistorische Arbeit als solche nicht ersetzen kann, wird ebensowenig reflektiert wie manche Einseitigkeit in Chenus eigenen Reformbemühungen, für die man nicht nur in seinen Äußerungen zum Marxismus oder zum Modell der „Arbeiterpriester“ rasch Beispiele fände.
Wie eine abgewogene und auch bibliographisch besser fundierte Einführung zu Chenu hätte aussehen können, zeigt ein kürzlich erschienener Beitrag des italienischen Theologiehistorikers Inos Biffi (Credere Oggi n. 134, mar./ apr. 2003).
Der thomistische Neuaufbruch von Le Saulchoir wollte der ehrliche Versuch sein, der Theologie nach Kant und dem Idealismus von neuem den Weg zu ihren authentischen, bleibend aktuellen Quellen und Traditionen zu eröffnen. Dieses Anliegen steht auch im Zentrum von Chenus Programmschrift. Man würde es heute nicht weniger als im damaligen Streit um die „nouvelle théologie“ verkürzen, wenn man das Opusculum allein als Denkmal für einen theologiepolitischen Konflikt mit später Siegerehrung präsentierte. Mittlerweile jedenfalls scheint Chenus Grundüberzeugung von der innovativen Kraft einer Begegnung mit den großen Denkern der mittelalterlichen Tradition provozierender zu sein als mancher Vorschlag zur Methodenreform, der seinerzeit vielleicht allzu ängstlich verworfen wurde.
Wer sich vom vorliegenden Band der „Collection Chenu“ in dieser Weise anregen lässt, wird für seine Publikation uneingeschränkt dankbar sein und den Wunsch anschließen, dass die Herausgeber auch einige der bedeutenden mediävistischen Studien Chenus in ihre Übersetzungsreihe aufnehmen möchten.

Thomas Marschler

Marie-Dominique Chenu, Le Saulchoir: Eine Schule der Theologie = Collection Chenu 2, herausgegeben vom Institut Marie-Dominique Chenu – Espaces Berlin durch Christian Bauer, Thomas Eggensperger, Ulrich Engel, Berlin 2003, 194 Seiten, broschiert, ISBN 3–87554–365–3, EUR 9,80

Eine Schule der Theologie ->zum Buch

Zum gleichen Buch erschien in Wort und Antwort Heft 3/2004 folgende Rezension:

Marie-Doiminique Chenu OP (1895-1990) ist aufgrund der vielfältigen Aspekte seiner Tätigkeit den einen als Mittelalterforscher oder Thomist, den anderen als Theologe der Arbeiterpriester oder der Kirchlichen Soziallehre bekannt. "Es gibt aber keine zwei Chenu" (189), wie er selbst sagt und so liegt den vielen Facetten seines weit verstreuten Werkes eine durchaus einheitliche und schlüssige Konzeption von Theologie zugrunde. Ungeachtet späterer Präzisierungen findet sich diese Synthese weitgehend in "Une école de théologie. Le Saulchoir" von 1937. Chenus Theologie ist ohne das dominikanische Studienhaus Le Saulchoir und dessen Geschichte nicht zu denken, wie umgekehrt seine Hochschule ihm theologisch und menschlich viel verdankte. Seine Schrift eibeschreibt als Studienregens Arbeit und Programm von Le Saulchoir - prägte viele Studenten nicht nur aus dem Dominikanerorden. Dies und ihre innovative Kraft macht sie zu einem Werk, dessen Bedeutung für die Theologiegeschichte des 20. Jahrhunderts durch etwaige der Pionierrolle, dem Temperament oder auch einfach der Zeit Chenu geschuldete Grenzen nicht geschmälert wird. Im "Postskriptum 1985" (188-191), von Chenu für die französische Neuausgabe verfasst (zur Editionsgeschichte vgl. das Vorwort der Herausgeber [7f.]), zeigt sich in Kontinuität und Selbstkorrektur, die seinem Denken innewohnende Dynamik.

Besonders im deutschen Sprachraum - "Le Saulchoir. Eine Schule der Theologie" liegt nach 66 Jahren nun erstmals in deutscher Übersetzung vor (53-187) - ist Chenu, zumal als Systematischer Denker, weitgehend in Vergessenheit geraten, obwohl ohne seine Lehrtätigkeit etwa der hierzulande bekanntere Konzilstheologe und spätere Kardinal Yves Congar OP (1904-1995) kaum denkbar gewesen wäre. Chenus Theologie verbindet die geschichtliche Dimension von Welt und Mensch, Offenbarung und Glaube, Kirche und Theologie mit systematischer Reflektion. Es ist deshalb kein Zufall und für die Entwicklung der Theologie bis hin zum Zweiten Vaticanum bzw. für das Konzil selbst von erheblicher Bedeutung, dass Chenu bereits in den dreißiger jahreii, wie dann später von Johannes XXIII. und dem Konzil angemahnt, historisch und systematisch kompetent die "Zeichen der Zeit" zu lesen lehrte. Geprägt ist Chenus Theologie v.a. durch ein in historischer Herangehensweise an Thomas von Aquin entwickeltes Instrumentarium. Es ermöglichte, Verkrustungen des Neuthomismus und der von Chenu ibgeielititen "Barockscholastik" aufzubrechen (156), ohne dabei das Kind mit dein Bade luszuschütten und jegliche systematische Theologie abzulehnen. Diese ist vielmehr unerlässlich zur intellektuellen 1 Durchdringung des Glaubens (vgl. 143), darf jedoch nicht mit dem Glauben selbst verwechselt werden (vgl. 130). Zur "Heilsökonomie" (130) gehören so im Lauf der Geschichte verschiedene "theologische Systeme" (143), die die tlicologische Vernunft" (144) mit den ihr jeweils zur Verfügung stehenden Mitteln hervorbringt. Dem zugrunde liegt die Anwendung des Inkarn.itionsprinzips" (ebd.): göttliche Wahrheit und begrenzte menschliche Erkenntnis (cognita sunt in cognoscente ad modum cognoscentis!) gehören im Glauben aufs Engste zusammen und sind doch zu unterscheiden (vgl. 124f.). Die geschichtlichen Ausprägungen der "Vernunftwerkzeuge" (92) menschlicher Erkenntnis erfassen die "Vor-Gabe der Offenbarung" (112ff.) jeweils nur "relativ" (im Sinne einer gnadenhaft-inkarnatorischen Relationalität). Dies ist aber kein Wahrheitsrelativismus (vgl. 131), (la Theologie und Spiritualität "nicht als zwei heterogene Größen" (148) zu behandeln sind. Chenus als "Weisheit" (153) konzipierte Theologie bezeichnen die Herausgeber im Vorwort als "höchst aktuell" (8) - angesichts heutiger Unsicherheiten bzgl. des sich wandelnen Umgangs etwa mit Wahrheit, Pluralismus oder Sprache zu Recht. Damit folgen sie einer der Grundintuitionen Chenus, der in der Theologie des Thomas von Aquin eine produktive Antwort auf die auch religiösen Umwälzungen des 13. Jahrhunderts sah. Derlei Umwälzungen sind per se nichts Schlechtes, dem man nur mit Nostalgie begegnen müsste, sonder für den Menschen und seine Geschichte wesenskonstitutiv. Vor dem Denkhorizont der dreißiger Jahre versucht Chenu seinerseits im Geist des Thomas keinen defensiven, sondern einen produktiven Umgang mit konkreten Veränderungen der condito humana, in denen die Vorgabe stets neu "präsent" sein will (178). Er betrachtet "mit heiliger Neugierde" (134) daraus resultierende, von Theologie und Kirche nicht aufgearbeitete Entwicklungen wie z.B. das des Kolonialismus, den Pluralismus der Kulturen das Streben nach Einheit der Christen, den Zugang der Volksmassen zum öffentlichen Leben oder die Aufwertung der Laien (vgl. 134f.). Die Methode dieser frühen Form einer Theologie der Zeichen der Zeit - hier "loci theologici in actu für die Lehren von Gnade, Inkarnation und Erlösung (135) genannt - bedeutete für die noch nicht den Fragestellungen der Modernismuskrise entkommene Kirche und ihre Theologie eine ungeahnte Chance, aber auch eine ebensolche Herausforderung: die heute fast selbstverständlich scheinenden Thesen der "Schule der Theologie" gingen mit einer schweren Konfliktgeschichte einher. Während das Buch 1942 auf den Index kam und die auch als Konsequenz aus Chenus theologischem Ansatz entstandene Arbeiterpriesterbewegung 1954 zum Erliegen gebracht wurde, rezipierte das Zweite Vaticanum nicht wenige seiner Gedanken und bestätigte sie - im Prinzip - als kirchliches Allgemeingut.

Chenus Text steht eine ausführliche Einleitung von Christian Bauer voran (9-50). Gerade für den deutschen Leser ist die Erhellung des französischen Hintergrunds hilfreich, und v.a. die im Vorwort erhofften jungen Theologinnen und Theologen unter der Leserschaft werden dankbar sein für die Situierung Chenus und seines Werks innerhalb der verschiedenen (neu) thomistischen Strömungen des 19. und 20. Jahrhunderts. Die Übersetzung von Mich-.ici Lauble ermöglicht eine angenehme Lektüre. Dem zweiten Band der "Collection Chenu" möchte man nicht nur zahlreiche Leserinnen und Leser Wünschen, sondern auch eine baldige Fortsetzung.

Michael Quisinsky

Marie-Dominique Chenu, Le Saulchoir: Eine Schule der Theologie = Collection Chenu 2, herausgegeben vom Institut Marie-Dominique Chenu – Espaces Berlin durch Christian Bauer, Thomas Eggensperger, Ulrich Engel, Berlin 2003, 194 Seiten, broschiert, ISBN 3–87554–365–3, EUR 9,80

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