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Die Süddeutsche Zeitung schreibt am 13.06.2005 über unsere Neuauflage von Chateaubriand "Geist des Christentums":

Für volle Herzen in leerer Welt
Neu zu entdecken: Chateaubriands grandiose Verteidigung des Christentums als einer Religion der Schönheit

Ein junger Victor Hugo notiert in seinem Tagebuch: „Ich will Chateaubriand sein oder nichts.“ André Gide verehrt den „wunderbaren Künstler“, obwohl dieser „sich unaufhörlich zu seinem eigenen Vorteil aufbaut“. Roland Barthes rühmt die „unbegreifliche, atemberaubende Schönheit“ der Sprache. Zu seinen Lebzeiten aber war Graf René von Chateaubriand vor allem ein gesellschaftliches Ereignis, ein Liebling der Frauen, der nicht aus der Mode kam. Die spätere Geliebte fasst eine Lesung in dem Satz zusammen: „Er spielt Klavier auf allen meinen Fasern.“ Eine weitere Verehrerin berichtet, dass am 14. April 1802 „in Paris keine Frau geschlafen hat.“ Sie waren auf den Beinen, kauften das neue Werk des Götterlieblings oder stahlen es sich gegenseitig. Das Werk hieß „Le Génie du Christianisme“ und hatte ein einziges Ziel: Frankreich sollte zum katholischen Glauben zurückfinden, weil nur so das Menschenrecht auf Schönheit anerkannt werden könne.

Begonnen hatte Chateaubriand ruhmlos. Ein vergeblicher Versuch, die nordwestliche Route nach Indien zu entdecken, führte den verarmten Adligen 1791 an den Mississippi, nach Florida und zu den Indianern. Kaum zurückgekehrt, schloss er sich einem antirevolutionären Emigrantenheer an. Seinen Einsatz bezahlte er mit einer siebenjährigen Verbannung, die er als armer Poet in London verbrachte. Sein Bruder, seine Schwägerin und deren Großvater starben unterdessen durch die Guillotine, seine Mutter und seine Schwester an den Folgen einer Inhaftierung. Als Chateaubriand im Jahr 1800 wieder französischen Boden betrat, war er einer der vielen deklassierten Adligen, die im Untergang der Monarchie eine weltgeschichtliche Katastrophe sahen. Ein Jahr später schon „liebte ich den Ruhm wie eine Frau“, denn 1801 erschien „Atala“. Die Geschichte vom Leben und Sterben einer indianischen Häuptlingstochter traf den nach Exotik gierenden Geschmack der Zeit. Das Außenseitertum hatte ein Ende.

Tausend Gründe zur Einsamkeit

„Atala“ und die Erzählung einer moralisch heiklen Geschwisterliebe („René“) wurden später in die Erstausgabe des „Génie“ aufgenommen. Erneut war das Timing perfekt: Sechs Tage zuvor, am 8. April 1802, war das Konkordat zwischen Napoleon und dem Papst in Kraft getreten. Die Revolutionszeit, als man Kirchen schändete, Priester vertrieb, neue Kalender und neue Feiertage einführte, Heiligendenkmäler durch Statuen für Marat ersetzte – diese Zeit sollte vorüber sein. Der Erste Konsulwollte seine Herrschaft konsolidieren; ein Bündnis mit den Katholiken sollte dazu beitragen, die soziale Lage zu entspannen. Buch und Konkordat wurden, so Friedrich Sieburg, „zu einer Einheit, von der man glauben könnte, dass sie gemeinsam vorbereitet worden sei.“ Chateaubriand war da gelandet, wo es ihn schon immer hinzog, im Zentrum der Geschichte: „Ich habe dem französischen Volk die Kirchen wieder geöffnet.“

Geltungssucht ist nur die eine und vermutlich nicht entscheidende Seite dieser öffentlichen Existenz – obwohl der vorübergehende Sympathisant Napoleons dann unter den Bourbonen zum Botschafter wird in Berlin, London, Rom und sogar zum Außenminister Ludwigs XVIII. Die andere Seite heißt Einsamkeit und Melancholie; sie verdankt sich den Erfahrungen des Exils. „Wir haben in der Tiefe unseres Herzens tausend Gründe zur Einsamkeit“, schreibt er im „Génie“, aber eben auch: „Man kehrt nicht gottlos aus den Reichen der Einsamkeit zurück.“ Diese schwarzgallige Zuversicht bildet die Mitte einer 700 Seiten starken, vor Leidenschaft, Sehnsucht, Überdruss funkelnden Apologie. Ihre Mitte ist der denkbar kühnste Gottesbeweis: Weil der Mensch melancholisch ist, muss es einen richtenden Schöpfergott geben.

Der Mensch ist hier die Doppelnatur, der Sonderfall, der allen anderen Lebewesen widerspricht, die Disharmonie in harmonischem Umfeld, „regellos, wo alles geregelt ist, ... geheimnisvoll, wandelbar, unerklärlich, ... ein gestürzter und mit den Steinen seiner Trümmer wieder aufgebauter Palast, worin man großartige Teile neben widrigen erblickt, prachtvolle Gänge, die nirgends hinführen“. Der Mensch verfehlt sich beständig, „man ist enttäuscht, ohne genossen zu haben, ... man wohnt mit einem vollen Herzen in einer leeren Welt, und ohne sich an etwas gewöhnt zu haben, ist man bereits alles Möglichen entwöhnt.“ Und warum? Weil der zwischen Vernunft und Begierde gefangene Mensch nach einer Glückseligkeit verlangt, die es nicht gibt; und da ihn dieses unmögliche Verlangen niemals verlässt, da „die Güter der Erde nur in die Seele graben und ihre Leere vergrößern, so muß man schließen, dass es etwas über der Zeit gebe ... Die Vorsehung hat jenseits der Grenze einen Reiz verlegt, der uns anzieht.“ Weil es also den Himmel, die unsterbliche Seele und Gott wirklich gibt, sehnt der Mensch sich nach Glück und erleidet das Unglück.

Wie glaubhaft ist angesichts dieser unstillbaren Trauer die Beteuerung, das Christentum habe „immer in allem das Bestmögliche geleistet“, keine andere Religion enthalte „soviel Poesie und Humanität in sich“ und sei „der Freiheit, den Künsten und Wissenschaften so hold wie die christliche“? Wie passen solche Hymnen zum Eingeständnis des späten Chateaubriand, er sei „tugendhaft ohne Genugtuung“? Friedrich Sieburg, sein Biograph, spricht von der „Konstruktion eines Kulturchristentums“ – und hat damit zum Teil Recht. Chateaubriand will von der ästhetischen Überlegenheit des Christentums, der Schönheit der Gottesdienste und christlicher Themen in Malerei und Dichtung auf eine weltanschauliche Überlegenheit schließen. Dahinter aber verbirgt sich ein pädagogisches Konzept: Der Mensch als potentieller Zerstörer seiner Lebensgrundlagen braucht eine Instanz, vor der er sein Tun rechtfertigt, damit er weder an sich verzweifelt noch die Mitmenschen schädigt. Diese Instanz muss seinem Zugriff entzogen, kann also nur Gott sein. Glücklicher wird man dadurch nicht, wohl aber produktiver, schöpferischer, freier.

Effektvoll arrangiert der gerade 33 Jahre alte Chateaubriand die Themen, interpretiert alle Kunstformen, alle Epochen, alle Praxen der Frömmigkeit und gelangt zum Ergebnis: „Wer für die Schönheit unempfänglich ist, wird leicht auch die Tugenden verkennen.“ Im Zweifelsfall geht Dramaturgie vor Richtigkeit. Die Behauptung, das Christentum habe die Orgel erfunden, hält ebenso wenig einer Nachprüfung stand wie der Satz, Christus habe „die Ehe zur Würde eines Sakraments“ erhoben. Nicht umsonst lautet das neben der Einsamkeit zweite Schlüsselwort Reiz; reizvoll muss sein, was den Menschen dauerhaft fesselt. Hierdurch gewinnt Chateaubriand Anschluss an die europäische Romantik. Auch Novalis wusste: „Was für die Seele der Reiz ist, das ist für den Geist die Schönheit.“ Über Novalis geht Chateaubriand insofern hinaus, als er das „Schönste, Reizendste und Größte“ überhaupt im Geheimnisvollen erblickt und zu dessen bevorzugtem Daseinsort die heilige Messe erklärt.

Verschlingende Leidenschaft

Zwar ist für den Melancholiker aus Einsicht und Veranlagung das Christentum „eine Art Leidenschaft“, die die anderen Leidenschaften „verschlingen“ muss; nur in der Liturgie aber werde diese Überbietung ganz konkret. Undenkbar wäre für den Royalisten der Verzicht auf die lateinische Kirchensprache.

So sehr Chateaubriand auch die Philosophie der Aufklärung als ein trostloses „System der Zerstörung“ ablehnt, so sehr er gegen Voltaire polemisiert, der „bei einem launenhaften und liebenswürdigen Volk den Unglauben zur Modesache zu machen“ verstand, so vehement er gegen den „grübelnden und philosophischen Verstand“ giftet – so unverkennbar hat er die Methoden der Aufklärung übernommen, das Rechnen und Vergleichen. Er stellt Homer und die Bibel gegenüber, die vorchristliche und die christliche Musik, die antike und die christliche Baukunst. Er übersetzt sogar einen Vers aus dem alttestamentlichen Buch Ruth in einen fiktiven, fünfmal so langen, klug überladenen homerischen Abschnitt, um durchaus eindrucksvoll die Vorzüge des knappen Stils zu belegen. Zu Zahlen hat er ein zärtliches Verhältnis: „Man berechne nur die Zahl der Menschen, die durch das Christentum getröstet und erleuchtet worden sind!“

1857 erschien letztmals eine deutsche Übersetzung dieses trotz aller Redundanzen und Eitelkeiten epochalen Buches. Der Berliner Morus Verlag hat für seine Neuausgabe auf die Übertragung des Mörike- und Lenau-Freundes Hermann Kurz von 1844 zurückgegriffen. Diese Fassung ist an vielen Stellen dem biedermeierlichen Zeitgeist verpflichtet; wünschenswert wären eine neue Übersetzung und eine fortlaufende, nicht auf das Nachwort beschränkte Kommentierung. Dennoch kann und sollte nun ein anmaßendes, selbstverliebtes, schillerndes, nie verzagtes Unterfangen neu entdeckt werden. „Le Génie du Christianisme“ ist die Geschichte einer Einsamkeit, die Funken schlägt, eines Glaubens, der Wille ist und Sehnsucht. „Wir haben die Macht verloren, indem wir das Verlangen behielten, und unser Herz sucht noch das Licht, dessen Stärke unsere Augen nicht ertragen können.“

Alexander Kissler

Chateaubriand: Geist des Christentums, 708 Seiten, gebunden, ISBN 3-87554-401-3, EURO 29,80

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Die Berliner Zeitung vom 30.5.2005 über unsere Neuauflage von Chateaubriand "Geist des Christentums":

Genie des Christentums

Das Buch erschien 1802, zur rechten Zeit. Napoleon sorgte für eine Konsolidierung der Verhältnisse und bereitete den Boden für reaktionäre Nostalgieerscheinungen. So konnte der "Geist des Christentums" des empfindsamen Ex-Libertins Francois-René de Chateaubriand eines der wirkungsmächtigen Bücher der französischen Romantik werden. In seiner Apologie des Katholizismus geht es Chateaubriand um das "génie" des Christentums (so der originale Titel). Begeistert vom christlichen Kultus und der Erhabenheit der Glaubensgewissheit, schwärmt er für das Kreativitätspotenzial von Christentum und vor allem Katholizismus. Ist nicht die Bibel literarisch der Odyssee vorzuziehen, Milton und Dante Homer und Vergil überlegen? In seiner berauschten Parteilichkeit ist dies eines der wichtigen Werke unserer Kulturgeschichte. Der katholische Morus-Verlag hat das Buch - das es nur in Ausgaben des 19. Jahrhunderts gab - neu herausgebracht. Leider hat er sich eine neue Übersetzung gespart und die alte von Hermann Kurz (1844) überarbeitet. So wird der gefühlvolle Ton Chateaubriands mit bisweilen mächtigem Pathos übertüncht.

Chateaubriand: Geist des Christentums, 708 Seiten, gebunden, ISBN 3-87554-401-3, EURO 29,80

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Die Tagespost schreibt am 21.05.2005 über unsere Neuauflage von Chateaubriand "Geist des Christentums":

Schönheit des Glaubens

Chateaubriands „Geist des Christentums“ neu aufgelegt

Wer beim Namen Chateaubriand nicht an ein besonders dickes Steak aus der Mitte des Rinderfilets denkt, der denkt an jenen Gourmet, der seinem Leibgericht den Namen gab. Francois-René de Chateaubriand ist eine schillernde, innerlich zerrissene Persönlichkeit, die sowohl als Schriftsteller als auch als Politiker stark schwankenden Erfolg genoss. Als herausragende religiöse Gestalt oder als geistlicher Schriftsteller ist der Gegenspieler Napoleons nicht in die Geschichte eingegangen, wenn auch sein Grab von einem imposanten namenlosen Kreuz überragt wird – auf einem ufernahen Felsen vor der alten Festungsstadt Saint-Malo. Sein bedeutendster Biograph Friedrich Sieburg schreibt: „Dieses Grab ist wie sein Leben, wie er selbst: einsam, romantisch und ein wenig theatralisch.“ So kann man Chateaubriand auch eher als Selbstdarsteller und Egomanen bezeichnen, der sich mit glühendem Eifer für seinen Glauben einsetzte.

Im Vorwort der vorliegenden Ausgabe bezeichnet ihn Jörg Schenuit als glühenden Katholiken. Doch der Leser sei darauf hingewiesen, dass es sich bei dem hier rezensierten Buch nicht um ein theologisches, sondern um ein poetisches Werk handelt, auch wenn es den katholischen Glauben und seinen Ausdruck in den vielfältigen Künsten zum Inhalt hat. Der am 4. September 1768 geborene Bretone war Adliger und Weltenbummler, Offizier im Emigrantenheer und Führer der Royalisten, Botschafter und Außenminister unter Napoleon und zeitweise dessen größter Gegner, Anhänger Voltaires und Konvertit zum Katholizismus. Nach einem bewegten Leben verstarb er am 4. Juli 1848 in Paris. Politisch war Chateaubriand der französischen Restauration verpflichtet. Auch seine literarische Begabung stellte er in diesen Dienst. So gründete er die Zeitschrift „Le Conservateur“, von der sich später die politische Bedeutung des Wortes „konservativ“ ableitete.

Doch Chateaubriand wollte in die Geschichte eingehen als der große Verteidiger des Christentums. In seinen Schriften – besonders in seinem 1802 erschienenen Hauptwerk „Geist des Christentums“ – hatte er dem Rationalismus und der Aufklärung Voltaires den Kampf angesagt. Da die Gegner des Christentums sich nicht nur sachlicher Argumente bedienen, sondern oftmals lediglich des Spottes, so lässt sich auch der christliche Glaube nicht nur durch sachliche Argumentation verteidigen, sondern indem man seine Schönheiten rühmt. Chateaubriand hat diesen letzteren Weg gewählt, weil er diesen für den damals zeitgemäßen hielt. In der Einleitung seines großangelegten Œuvres begründet er selbst die Wahl seiner Methode: „Statt zu beweisen, das Christentum sei vortrefflich, weil es von Gott komme, musste man vielmehr argumentieren, es komme von Gott, weil es vortrefflich sei.“ Und weiter: „Mit den Gelehrten muss man ein Gelehrter, mit dem Dichter ein Dichter sein. Gott verbietet ja die Blumenwege nicht, wenn sie nur zu ihm zurückführen.“

Der „Geist des Christentums“ ist eine ästhetische und daher auch äußerst subjektive katholische Apologetik in vier Bänden. Im ersten Band rühmt der Autor die katholischen Glaubenswahrheiten, im zweiten Band die Poesie, im dritten Band die Kunst und die Literatur und schließlich im vierten Band die heilige Liturgie. Ursprünglich waren auch die Erzählungen „Atala“ und René“ – eine Liebesgeschichte und eine Tugendgeschichte – in diesem Werk enthalten. Doch in der endgültigen Ausgabe von 1828 wurden sie ausgegliedert, wodurch eine größere gedankliche Stringenz erreicht wurde. Die Rezeptionsgeschichte dieses Werks ist ebenso spannungsreich wie der äußere Werdegang, aber auch das Innenleben seines Autors. Man hat immer wieder den Vorwurf erhoben, für Chateaubriand sei die Schönheit das Kriterium für Wahrheit, oder wie Stendhal spöttisch formulierte: „Herr von Chateaubriand hat die Religion verteidigt, weil sie so hübsch ist.“ Der Autor verteidigt sich, indem er diese Methode schon bei Pascal nachweist. Weiter fragt er: „Hätte Ambrosius den heiligen Augustinus der Kirche geschenkt, wenn er nicht alle Reize der Predigtkunst angewandt hätte? Und wie anders als auf den Schwingen der Einbildungskraft hat sich Augustinus selber bis zum Gottesstaat erhoben?“ Er habe lediglich den kulturellen Ausdruck des Christentums rühmen wollen; aber von diesem Ausdruck lasse sich auf das Wesen dieser Religion zurückschließen. Als Antwort auf die Aufklärung betont Chateaubriand den Mysteriencharakter des Glaubens: „Schön, sanft, groß sind im Leben nur die geheimnisvollen Dinge.“ Sein Verdienst war es ebenso, die Schönheit der seit Ende des Mittelalters verachteten Gotik wiederzuentdecken. Die größte Wirkung aber erzielte er durch seine emotionale, manchmal fast hymnische Sprache. Gelegentlich wird daher auch von der „Bibel der Romantik“ gesprochen.

Chateaubriand selbst erklärt den Erfolg seines Werkes so: „Die Gläubigen sahen in dem Erscheinen eines Buches, das so gut ihrer innerlichen Verfassung entsprach, ihre Rettung: Man hatte damals ein Bedürfnis nach Glauben, eine Gier nach religiösem Trost, die eben daraus entsprang, dass man den Gläubigen jenen Trost so lange vorenthalten hatte.“ Der „Geist des Christentums“ blieb lange Zeit ein beliebtes Epos mit großem Einfluss auf bedeutende Werke der Kunst und der Literatur. Erst ab Mitte des 19. Jahrhunderts begann das Interesse für Chateaubriand und sein schriftstellerisches Werk zu schwinden, und mit dem Positivismus hielt eine neue Nüchternheit in Europa Einzug. Nun liegt die erste deutsche Übersetzung seit mehr als hundert Jahren vor. In den vergangenen Jahrzehnten wäre sie wohl nicht denkbar gewesen. Zu sehr war man in Glaubensfragen auf Nüchternheit und Sachlichkeit bedacht. Die ästhetische Dimension und Tatsache, dass das Staunen über das Schöne und Erhabene der Beginn des Glaubens ist, wurde erst in den letzten Jahren wieder entdeckt. So gehört dieses Buch nicht nur in die Hände aller Ästheten. Es sei all jenen empfohlen, die ahnen, dass das Eine, das Wahre, das Gute und das Schöne allesamt Bezeichnungen Gottes sind und die sich auf diesem „Blumenweg“ zu Gott führen lassen wollen.

Georg Alois Oblinger

Chateaubriand: Geist des Christentums, 708 Seiten, gebunden, ISBN 3-87554-401-3, EURO 29,80

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Die Frankfurter Allgemeine Zeitung schreibt am 18.03.2005 über unsere Ausgabe von Chateaubriand "Geist des Christentums":

Die Poesie der Wahrheit im Vogelfuß

Ein Bestseller der französischen Romantik, neu ediert: Chateaubriands Genius des Christentums

Revolutionen kommen schnell in die Jahre. Nach einem Jahrzehnt schlägt der Wind um; die Unsicherheit wird lästig. Die Französische Revolution, zunächst oft auch in Deutschland mit Enthusiasmus begrüßt, löste 1799 erschreckte Reaktionen aus, die das kommende Jahrhundert in seiner ersten Hälfte beherrschen sollten. Novalis schrieb damals sein Fragment "Die Christenheit oder Europa". Sein erster Satz klang wie ein Fanal der Sehnsucht und der Rückkehr: "Es waren schöne, glänzende Zeiten, wo Europa ein christliches Land war." Damit hatte die romantische Gegenaufklärung ihr Programm; sie blickte zurück auf das im Glauben geeinte Mittelalter, als der Nationalismus noch nicht die Völkergemeinschaft zerriß, als Zweifel und Skeptizismus den Menschen noch nicht die Zuversicht raubten. Wie die Aufklärung nicht nur Frankreich, sondern ganz Europa erfaßt, so war auch die Romantik nicht nur eine deutsche, sondern eine internationale Tendenz. In England kamen Lord Byron und Wordsworth in Mode, in Rußland Lermontow, in Italien Leopardi.

Der bretonische Graf Chateaubriand begründete die Romantik in Frankreich. Er hatte Gründe, die Revolution zu hassen: Sie beendete abrupt das gefühlige Landleben in der romantischen Umgebung des väterlichen Schlosses. Sie brachte enge Verwandte um. 1791 segelte er ab nach Nordamerika. Er kam dort nicht sehr weit, aber er entdeckte die Poesie einsamer Landschaften, er lebte eine Weile bei Indianern, er besichtigte die Niagarafälle. Seine beiden Erzählungen, "Atala" und "René", spielen in der amerikanischen Wildnis. Diese Geschichten von Liebe und Einsamkeit, von ersehntem Sex und christlicher Askese, von Weltschmerz und unberührter Natur schlugen zum ersten Mal in französischer Sprache den neuen sentimentalen Ton an. Sie waren 1801 vollendet und erschienen zuerst als Bestandteile der großen Apologie des Christentums. In späteren Auflagen hat der Autor diese Erzählungen aus dem theoretischen Hauptwerk herausgenommen; sie fehlen in den heutigen Ausgaben und Übersetzungen. Aber sie waren es, die den neuen Stil begründet haben.

Chateaubriand war ein "subjektiver Autor". Politik und Biographie, Liebesgeschichten und Schriftstellerei vermischen sich ständig. Dieser Umstand kam Friedrich Sieburg zugute, als er 1959 seine große Chateaubriand-Biographie schrieb, die lesenswert bleibt für den, der doppelten Boden wahrnimmt: Sieburg stellte das Verhältnis Chateaubriands zu Napoleon in den Mittelpunkt und zeigte mit verhülltem Selbstbezug viel Verständnis für Schriftsteller, die sich Diktatoren zur Verfügung stellen.

Die Sache war die: Als Chateaubriand den "Geist des Christentums" schrieb, lebte er als mittelloser Emigrant in England. In einer Schrift von 1797 hatte er zwar auch schon gegen die Revolution polemisiert, aber damals hatte er die frommen Royalisten in London mit abfälligen Bemerkungen gegen das Christentum schockiert; niemand glaube mehr daran. Zwei Jahre später saß derselbe Autor an seiner großen Verteidigungsschrift. Dies hat immer wieder Zweifel an der Aufrichtigkeit seiner "Bekehrung" geweckt. Diese Frage ist unentscheidbar und wenig wichtig. Was zählt, ist der ungeheure Erfolg dieses Buches. Und seine Verwicklung in die Politik.

Denn am 9. November 1799 wagt Napoleon den Staatsstreich, er stürzt das Direktorium. Die Revolutionszeit sollte zu Ende sein; Ruhe und Ordnung wurden zum Motto des Tages. Aber konnte Napoleon diese Konsolidierung erreichen und seine Alleinherrschaft sichern ohne die Religion? Napoleon versprach, die alte Religion wieder in ihre Rechte einzusetzen, und dazu konnte er Chateaubriand gebrauchen. Der war im Mai 1800 nach Frankreich zurückgekehrt.

Napoleon gewidmet

Jetzt liefen die Ereignisse ab wie im Drehbuch: Am 8. April 1802 schließt Napoleon sein Konkordat mit dem Papst; wenige Tage darauf, am 14. April 1802, erscheint "Der Geist des Christentums". Napoleon erkennt seine Nützlichkeit, behält aber Mißtrauen gegenüber dem Verfasser, gewährt dem Mittellosen einen unbedeutenden Posten an der Botschaft in Rom. Chateaubriand bedankt sich bei einer Neuauflage des Buches mit einer pompösen Widmung an Napoleon. Doch als dieser den Herzog von Enghien kidnappen und erschießen läßt (1804), kündigt der Aristokrat und Royalist dem Usurpator den Dienst.

Bis zu seinem Tod 1848 blieb er den Bourbonen treu, brachte es im diplomatischen Dienst bis zum Botschafter in Berlin und London, wurde Außenminister. Als Schriftsteller wünschte er die Pressefreiheit; als Politiker agierte er als Antiliberaler. Im Zeitalter des siegreichen Bürgertums und des aufkommenden Proletariats geriet er politisch an den Rand der Ereignisse, aber sein Buch begann einen europäischen Siegeszug; es wurde 1844 auch ins Deutsche übersetzt.

Seitdem hat sich die anfechtbare Übersetzung von "Génie du Christianisme" als "Geist des Christentums" durchgesetzt; gemeint war der Genius des Christentums, seine Kraft als Poesie und gesellschaftliche Ordnungsmacht, wie sie nach Ansicht des Verfassers im vorrevolutionären Frankreich modellhaft verwirklicht war. Das Buch ist zugleich wehmütiger Rückblick und energisch-konservatives Zukunftsprogramm, geschrieben im neuen, sentimental-vibrierenden Stil, gezeichnet von Weltschmerz und willentlich-forciert überwundener Skepsis, ein Anti-Voltaire. Immer wieder sind kleine romantische Genrebilder eingefügt, Erlebnisszenen unter indianischen Schlangenbeschwörern, auch literarische Kritiken, aber der Verfasser will nicht nur seinen persönlichen Glauben bezeugen, er will nicht nur erzählen oder die Geschichte des Christentums schreiben, sondern er will beweisen, er will Voltaire widerlegen. Er will den Leser argumentativ überzeugen, daß Gott die Welt erschaffen, daß Adam die Menschheit ins Unglück gestürzt und Christus sie erlöst hat; er will die Wahrheit des christlichen Glaubens- und Lebenssystems beweisen, aber, wie er schreibt, nicht mehr mit den alten "metaphysischen" Argumenten, sondern indem er die Poesie der alten Wahrheit und des vorrevolutionären Lebens zeigt.

Doch geht der Beweisanspruch außergewöhnlich weit und streift das Lächerliche: Die alte teleologische Naturbetrachtung, die mehr dem siebzehnten Jahrhundert als dem Mittelalter zugehört, lebt wieder auf: Die Bauart des Fußes eines Vogels beweise die göttliche Weisheit; die Erde bestehe erst seit wenigen tausend Jahren; die Einwände gegen die biblische Chronologie aus der Geologie weist Chateaubriand mit dem Argument zurück, Gott habe vor vier- oder fünftausend Jahren die fossilen Zeugnisse der früheren Erdgeschichte miterschaffen.

Das Christentum, das Chateaubriand verteidigt, ist eine merkwürdige, eine höchst subjektive Konstruktion: es ist antiprotestantisch, antirevolutionär, antirepublikanisch und durchweg ästhetisierend. Die Metaphysikkritik von Hume oder gar Kant nimmt es nicht zur Kenntnis. Es ist ein großes literarisches Ereignis, aber mit bestreitbarem intellektuellen Gehalt. Es gibt sich streckenweise als gelehrte Geschichtsforschung, aber es wimmelt von Falschdatierungen und Fehlinterpretationen. Es dokumentiert den Geschmack der durch Revolution und Aufklärung aufgescheuchten französischen Aristokratie, von deren Sensibilität niemand gering spricht. Aber weil es zuviel beweisen will, beweist es nichts. Es argumentiert für die Wahrheit des Christentums, indem es zeigt, wie nützlich und wie poetisch es einmal war. Es sieht im Katholizismus die einzige Quelle des Fortschritts und fordert seine öffentliche Rückkehr als des einzigen Heilmittels gegen die Gebrechen der Moderne.

Die intellektuell geschwächte Kirche ließ sich diese Verteidigung gefallen; schließlich wurde sie darin als moderne Möglichkeit dargestellt, als Ordnungsmacht und Lebensglanz. Das Buch diente als Fundgrube für Prediger gegen die Aufklärer, für Thron und Altar, aber sobald die französische Kirche aufhörte, sich als Instrument der Restauration gebrauchen zu lassen, ging sie auf Distanz. Sie hörte es gern, wenn ihr Kult und ihre gotischen Kirchen als schön gepriesen wurden, aber sie witterte Gefahr im Übergewicht von Empfindung und Ästhetik. Chateaubriand redete ergreifend von Ursünde und Geheimnis, aber die großen katholischen Theologen hatten es anders gemeint, sie wollten die Wahrheit ihrer Lehre nicht mit deren Schönheit verwechselt sehen. Für protestantische Leser hat Chateaubriand ohnehin nicht geschrieben; er sah religiös in Luthers Tat "eine unlogische Ketzerei und politisch eine mißglückte Revolution".

Deutsche Leser werden es dennoch begrüßen, wenn ein Hauptwerk der französischen Romantik ihnen zugänglich gemacht wird. Allerdings hätten sie Besseres verdient als die oberflächliche Bearbeitung der alten Übersetzung von 1844. Entweder man hält den Text für wichtig, dann muß man ihn neu übersetzen, oder man hält ihn für Literatur und Vergangenheit, dann liest ihn jeder Verständige im französischen Original.

Gefühlvoll, aber einfach

Die "Bearbeitung" der alten Übersetzung hat eine Reihe grammatischer Fehler im Deutschen stehengelassen oder hervorgebracht. Sie hat die Kapitelnumerierung getilgt und die meisten Anmerkungen gestrichen, die dem Autor als Beweisstücke wichtig waren. Was bei der "Bearbeitung" eines Klassikers herauskommen kann, dafür eine Stichprobe, und zwar die Stelle, an der Chateaubriand von der Erstkommunion spricht. Das liest sich heute so: "Jungfrauen (Des jeunes filles), in weißes Linnen gekleidet (vêtues de lin), und Knaben, mit Zweigen geschmückt, ziehen einher über die Erstlingsblumen des Jahres (marchent sur une route semée des premières fleurs de l'année), sie kommen zum Tempel, neue Lobgesänge anstimmend . . . Das Brot der Engel wird auf die wahrhaftige Zunge gelegt, die noch keine Lüge befleckt hat, während der Priester in dem reinen Wein das verdienstliche Blut des Lammes (le Sang méritoire) trinkt."

Die französischen Wörter belegen, wie die Übersetzung zu hohlem Pathos neigt, wo Chauteaubriand zwar gefühlvoll, aber einfach schrieb. Wer mit solchen hochstilisierten Sätzen glaubt die Schönheit des Katholizismus zeigen zu können, kann entweder kein Deutsch oder kein Französisch, wahrscheinlich beides nicht. Bei Chateaubriand klang das anders.

KURT FLASCH

Die abschließende Beurteilung der Edition durch den Rezensenten der FAZ wird vom Verlag naturgemäß anders beurteilt. Die französische Botschaft zumindest war so angetan, dass man das Projekt mit einem erheblichen Zuschuss unterstützte. Eine Neuübersetung hätte das Projekt finanziell unmöglich gemacht und hätte Jahre gedauert. Die verwendete Übersetzung stammt von einem bedeutenden Literaten des 19. Jahrhunderts und wurde angemessen angepasst.

Olaf Lezinsky

Chateaubriand: Geist des Christentums, 708 Seiten, gebunden, ISBN 3-87554-401-3, EURO 29,80

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Lesen Sie folgendes Interview mit dem Herausgeber:

Schenuit
Foto: privat
 

Jörg Schenuit (geb. 1970) ist in Düsseldorf aufgewachsen. Von 1993 bis 1998 Studium der Politikwissenschaft an der FU Berlin, mit dem Schwerpunkt: Politische Philosophie und Ideengeschichte. Seit 1999 redaktioneller Mitarbeiter der „Deutschen Zeitschrift für Philosophie“. Zeitschriftenaufsätze zur politischen Philosophie und Literaturtheorie. Übersetzungen aus dem Englischen (u.a. Richard Rorty, Michael Walzer, Martha Nussbaum). Seit 2002 Redakteur von „Programm. Zeitung der katholischen Akademie in Berlin e. V.“ und Mitarbeiter der Jungen Akademie im Philosophiereferat der Katholischen Akademie/Berlin.
 

Frage: Wie kommt man auf die Idee, einen 700-seitigen französischen Klassiker aus dem frühen 19. Jahrhundert neu herauszugeben?

Jörg Schenuit: Im frühen 19. Jahrhundert haben sich geistige und politische Konstellationen herausgebildet, mit denen wir in gewandelter Gestalt heute immer noch zu tun haben. Lord Ralf Dahrendorf hat das jüngst für den politischen Bereich pointiert zusammenfasst. Alle politischen Probleme, die wir heute haben, sagt dieser große Liberale, sind auf die Kategorien der Französischen Revolution zurückzuführen. Er meint damit vor allem den Konflikt zwischen Freiheit und Gleichheit, der in unseren Sozialstaatsdebatten allgegenwärtig ist. Aber die Fanfare der Französischen Revolution und der Aufklärung übertönt vor allem den Gesang der Gläubigen. Der Glaube wird im Zuge der Säkularisierung aus der öffentlichen Sphäre verdrängt und damit privatisiert. Chateaubriand reagiert konservativ hierauf: Er will das christliche Gemeinwesen des ancien régime zurück. Damit vertritt er eine restaurative Position, die, wie wir heute wissen, politisch aussichtslos war. Die Provinzialisierung des Glaubens ist für Christen allerdings auch unbefriedigend. Das ist der Grund dafür, warum Jürgen Habermas in seiner berühmten Friedenspreisrede davon gesprochen hat, dass der liberale Verfassungsstaat für Gläubige eine Zumutung bedeutet. Im Christentum steckt ein religiöser und sittlicher Anspruch, der über eine bloße private Überzeugung hinausreicht. Von diesem Anspruch handelt der Geist des Christentums

Frage: Wer war Chateaubriand? Was hatte er mit Religion zu tun?

Jörg Schenuit: Wer er genau war, weiß ich nicht. Um seine Person ranken sich viele Mythen, deren wahren Kern man nur erahnen kann. Wenn man sein monumentales autobiographisches Werk Erinnerungen von jenseits des Grabes liest, dann trifft man auf einen melancholischen Dichter und Staatsmann, der zutiefst – und leider auch zu sehr – von seiner Mission in der Welt überzeugt ist. Seine Selbstliebe ist unerträglich. Er neigt dazu, seine Lebensführung zu ästhetisieren und sich als sensiblen Helden unter Barbaren darzustellen. Bestechend ist dagegen, mit wie viel Leidenschaft er sich in die weltanschaulichen Kämpfe seiner Zeit stürzt. Er leidet an dem Zeitalter, in das er sich hineingestellt sieht. Chateaubriand ist Anfang 20, als die Französische Revolution ausbricht. Wie viele liberale Adelige seiner Zeit verfolgt er die Revolution anfänglich noch mit Sympathie. Später wandelt er sich jedoch unter dem Eindruck bitterer Erfahrungen zum radikalen Gegner der Revolution. Sein Verhältnis zur Religion ist ambivalent. In seiner Pariser Zeit zwischen 1786 und 1791 steht er unter dem Einfluss liberaler Schriftsteller und lebt als Atheist. Später kehrt er zum katholischen Glauben zurück. Er selbst begründet die Rückbesinnung auf den Glauben mit dem Tod seiner Mutter, die dem politischen Terror zum Opfer fiel und deren Tod er durch seinen Atheismus beschleunigt zu haben glaubte.

Frage: Warum ist „Geist des Christentums“ für uns heute aktuell?

Jörg Schenuit: Weil die Säkularisierung Probleme erzeugt hat, die historisch unabgegolten sind. Zwar vertritt in unseren Breiten heute kein ernst zu nehmender Katholik mehr restaurative Positionen und fordert einen katholischen Staat. In dieser Hinsicht ist die Säkularisierung abgeschlossen und das Buch von Chateaubriand politisch nicht mehr aktuell. Andererseits verträgt sich die Privatisierung der Religion nicht mit dem universellen Anspruch, der dem christlichen Glauben eingezeichnet ist. Chateaubriand zielt dogmatisch auf diesen universellen Anspruch. Er sucht ihn zu beschreiben und zu begründen, indem er die kulturellen Leistungen des Christentums in Erinnerung ruft. Zwar begeht er einen strategischen Fehler, wenn er der vermeintlich sittlich verrohten Moderne die christliche Überlieferung unversöhnlich gegenüberstellt. Damit verbaut er dem Christentum die Möglichkeit, sich in der modernen Welt zu verorten. Andererseits ist seine Kritik an der Arroganz und am frevelhaften Selbstbezug jener modernen Menschen, die bar jeder göttlichen Bindung leben, bis heute überzeugend.

Frage: Das würde man unter Kulturkritik verbuchen. Hat das Buch auch einen echt religiösen Gehalt?

Jörg Schenuit: Das eigentliche religiöse Zentrum des Buches bilden epiphanische Erlebnisse, von denen sich der Autor in melancholischen Augenblicken überwältigt fühlt. Chateaubriand hat eine Vorliebe für Friedhöfe und Klosterruinen. Er ist leicht morbid und todesverliebt. Ein bekanntes romantisches Laster. Aber die melancholische Lust an den Gräbern und Ruinen ist bei ihm keine bloße ästhetische Lust um der Lust willen. Gräber und Ruinen sind eine Metapher für die condition humaine: Der Mensch selbst ist eine Ruine. Körper und Geist sind beständig im Verfall begriffen. Doch genau in den Momenten, in denen sich der Mensch seiner Vergänglichkeit und Nichtigkeit schmerzhaft bewusst wird, bricht die unendliche Güte Gottes in sein Leben ein. Vorausgesetzt, er öffnet sich der Gnade Gottes. Schmerz, Einsamkeit und Verlorenheit sind nicht das Ende des Glaubens, sondern bilden dessen Voraussetzung. Wenn Chateaubriand von der Nichtigkeit der menschlichen Existenz spricht, dann meint er das Kreuz.     

Frage: Wer liest solche Bücher?

Jörg Schenuit: Schwer zu sagen. Interessant ist das Buch für all jene, die sich für die Säkularisierungsdebatte interessieren. Wer diese Debatte in ihrem geschichtlichen Gang begreifen will, für den ist das Buch als historisches Zeugnis unverzichtbar. Darüber hinaus scheint mir das Buch fürs urbane katholische Publikum wichtig zu sein. Wer das Buch aufmerksam liest, der wird nicht überlesen, dass Chateaubriands Glaube, allen pathetischen Bekenntnissen zum Trotz, ein urbaner und mithin gebrochener Glaube ist. Chateaubriand befindet sich im Zustand einer psychischen Spannung, als er das Buch schreibt: Einerseits hat er zurückgefunden zum Glauben, andererseits fühlt er sich von weltlichen Gedanken zur Erde herabgezogen und am Glauben gehindert. Er spricht von den modernen Katholiken  als „Christen, die alle in der Welt, nicht aber im Glauben alt geworden sind“. Es ist schwer, konzentriert und treu im Glauben zu leben, wenn man von zahlreichen alternativen Sinnangeboten umgeben ist und abgelenkt wird. Das ist das urbane Problem des Glaubens. Davon können viele Katholiken in Berlin ein Liedchen singen, speziell solche, die aus stabilen bayerischen oder rheinländischen katholischen Milieus stammen.  

Frage: Was für eine Unterstützung gab es bei der Arbeit?

Jörg Schenuit: Die Arbeit ist mit einem großzügigen Druckkostenzuschlag der Französischen Botschaft unterstützt worden, wofür ich sehr dankbar bin. Da ich selbst als politischer Ideengeschichtler nur ein Experte fürs Allgemeine bin, und kein ausgewiesener Chateaubriand-Spezialist, habe ich die Romanistin Frau Professor Dr. Brigitte Sändig ins Boot geholt. Brigitte Sändig hat ein kritisches Nachwort beigesteuert, das als fachliche Ergänzung meiner ideengeschichtlich angelegten Einleitung gedacht war. Dann gab es noch einen Kollegen, der bei der Übersetzung altgriechischer und lateinischer Zitate mitgeholfen hat, und Freunde, die fleißig beim Korrekturlesen mitgearbeitet haben – wie das halt so ist bei einer Buchproduktion.

Chateaubriand: Geist des Christentums, 708 Seiten, gebunden, ISBN 3-87554-401-3, EURO 29,80

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